Ursprung des Tarot

Die Herkunft der Tarotkarten liegt im Dunkeln. Wiederentdeckt wurden sie im 18ten Jahrhundert von Antoine Court de Gébelin (1725-1784), der sie in seinem umfangreichen Werk „Monde Primitiv“ (1775-1784) erstmals beschreibt als „das einzige Buch, das uns aus den verlorenen Schätzen der ägyptischen Bibliothek erhalten blieb. Seitdem ist seine Vermutung vielfach aufgegriffen worden, wonach vor allem das Volk Israel als Bindeglied zwischen dem alten Ägypten und dem Abendland fungiert hat. Diese Annahme wird gerne untermauert mit den Entsprechungen, die sich aus den 22 Karten der Großen Arkana (leitet sich von dem lateinischen Wort „arcanum“ her, das Geheimnis bedeutet) und der kabbalistischen Bedeutung der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets ergeben.

Insbesondere der große französische Okkultist Alphonse-Louis Constant (1810-1875) versichert in seinem Hauptwerk „Dogma und Ritual der Hohen Magie“ (1856), dass es sich bei dem Tarot um das Buch handele, das die Hebräer Henoch zuschrieben, die Ägypter dem Hermes Trismegistos und die Griechen ihrem sagenhaften Städtegründer Kadmos. Andere wiederum vermuten einen indischen Ursprung der Karten, weil wesentliche Symbole des Tarot auch Attribute indischer Gottheiten sind. So weist Roger Tilley in seinem Buch „Playing Cards“ (1973) auf die interessante Parallele hin, dass die vier Hauptsymbole der Kleinen Arkana (Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche) auch der Obergottheit Ardhanari zugeordnet sind, dessen linke Seite Shiva und dessen rechte Seite die himmlische Shakti darstellt. Alle Spuren aber verlieren sich im 13. Jahrhundert.

Eine einleuchtende Theorie vermutet nur für die 22 Karten der Großen Arkana einen älteren Ursprung und legt die Entstehung der 56 Karten der Kleinen Arkana in das Mittelalter. Dabei werden die 4 Serien dieser Kleinen Arkana als Symbole der 4 mittelalterlichen Stände verstanden: Schwerter = Ritter, Kelche = Klerus, Münzen = Kaufleute und Stäbe = Bauern. Je nach Ursprungstheorie wird vermutet, dass die Kreuzritter (ägyptischer Ursprung) oder die Zigeuner (indischer Ursprung) die Karten nach Europa brachten.

Ob die Karten selbst „nur“ 500 Jahre alt sind oder auf eine viel ältere Zeit zurückgehen: es ist unzweifelhaft, dass die Symbole und Bilder, die uns vor allem die 22 Großen Arkana zeigen, archetypische Gestalten der abendländischen Seele sind, die auch schon in der Frühgeschichte der Menschheit lebendig waren.


Quelle: Hajo Banzhaf, Das Arbeitbuch zum Tarot, S.10-11, Eugen Diederichs Verlag, München 1988